Haase geht als Punktsieger vom Platz

Experte für öffentliche Auftritte bewertet Kandidaten für OB-Wahl

08.10.2019 | 09:01 Uhr

Die drei Kandidaten zur Mainzer Oberbürgermeisterwahl, Michael Ebling, Tabea Rößner und Nino Haase sind in der großen Antenne Mainz-Diskussionsrunde aufeinander getroffen und haben sich einen großen Schlagabtausch geliefert. Alle wichtigen Themen für Mainz in den kommenden acht Jahren kamen auf den Tisch. Geleitet hat die Runde Antenne Mainz-Moderator Volker Pietzsch.

Jörg Michael Junginger ist Medientrainer und Experte für öffentliche Auftritte. Er hat die Diskussionsrunde für Antenne Mainz mitverfolgt. Direkt im Anschluss haben wir mit ihm über die Runde gesprochen.

Jörg Michael Junginger im Gespräch mit Volker Pietzsch
Jörg Michael Junginger im Gespräch mit Volker Pietzsch ( )

Herr Junginger, wie bewerten Sie die Diskussionsrunde denn thematisch? Welcher der Kandidaten hat hier wie argumentiert?

Ich nehme mein Kurzzeitgedächtnis. Mir blieb in Erinnerung Stichwort Innenstadt, Stichwort Autos als Problem, Stichwort Auslastung Parkhäuser, dass dort in der Nachtzeit nur zehn Prozent der Parkhäuser ausgelastet sind. Da war Haase am konkretesten. Da sagt er, mach doch ein Nachtticket, damit die Leute ihr Auto reinstellen und dass es in der Innenstadt etwas autofreier wird. Schlicht und ergreifend die Tendenz, konkret einen Vorschlag zu machen, ob man ihn nun gut oder schlecht findet, die war bei ihm am ausgeprägtesten. Die anderen bemühen das „Wenn“ das „Aber“. Im Diskurs rauf und runter und hinterher fragt man sich, ja, was war es denn jetzt?

Wie fällt denn Ihre Einzelbewertung der Kandidaten aus? Fangen wir an mit dem Amtsinhaber Michael Ebling. Wie hat er sich denn in der Runde geschlagen? Hat er die Karte Amtsbonus ausgespielt?

Er spielt sie aus und er spielt sie in Teilen sehr persönlich aus. Beispiel: Er sagt zum Thema City Bahn Richtung Nino Haase: „Da sind Sie wohl in der Diskussion nicht so richtig drin“. Das ist ein persönlicher Vorwurf, in der Klartext-Übersetzung: „Sie haben keine Ahnung“. Das ist schon dezent auf die Gürtellinie, auch ein bisschen drunter. Dass Haase darauf nicht reagiert, ist erstaunlich. Entweder hat er es nicht gehört oder hat es gefühlsmäßig weggepuffert, was aber beides falsch ist.

Jetzt gab es ja die Vorgabe von uns, sich bei den Antworten auf 60 Sekunden zu begrenzen. Hat das Ebling als Polit-Profi denn eingehalten?

Er hat die 60 Sekunden-Vorgabe, nämlich hörerfreundlich, kompakt zu antworten, ständig gerissen. Das heißt, er hat sich selbst nicht beschränkt. Er müsste sich sagen, antworte nur 30 Sekunden. Für ihn ist weniger ein Gewinn, nicht mehr. Denn er spricht salbungsvoll, er spricht pastoral und er geht in die Breite. Wissen sollte er, dass nach 20 Sekunden Antwortlänge, jetzt ungefähr, das zuerst Gesagte schon weg ist. Deshalb bin ich jetzt ruhig.

Amtsinhaber Michael Ebling
Amtsinhaber Michael Ebling ( )

Wie hat sich denn die Herausforderin der GRÜNEN, Tabea Rößner, in der Runde geschlagen? Sie wirbt ja auf ihren Plakaten mit „Die packt an“.

Mich haben die Plakate erwartungsfroh gemacht. Die Frau, die anpackt, habe ich in der Stadt jetzt überall gesehen. Ich habe in den 75 Minuten eine Frau erlebt, die mit betenden Händen da saß. Da wird der innere Zustand deutlich: Hoffen, innere Anteilnahme, der innere Glaube an sich selbst, der sich auch in der Stimme widerspiegelt. Die Antwortstruktur ist nicht hörerfreundlich. Das heißt, die Position auf eine Frage konkret vom Moderator kommt nicht vorne, sie kommt meist ganz am Ende, nach 60, 75 Sekunden. Viele sind da schon eingeschlafen oder haben den Sender weggedreht, was schade ist.

Tabea Rößner
Tabea Rößner ( )

Und wie hat sich Ihrer Meinung nach Nino Haase in der Runde geschlagen?

Punktsieger in dieser Geschichte. Ich habe ihn häufiger angeschaut, wie er sitzt. Er sitzt kerzengerade. Der Orthopäde würde sagen eine vorbildliche Haltung. Das ist aber auch Ausdruck einer inneren Haltung. Er hat für Hörer, ob man ihm zustimmt oder nicht, die klarste Struktur in seinen Antworten. Wenn er gefragt wird, gibt er eine Antwort relativ früh in einer Nachricht, die man verstehen kann. Erst dann kommen die Details. Also eine Pyramide, die richtig herum steht. Die anderen reden andersrum, beginnen immer breit, sind immer lang und kommen irgendwann vielleicht zu einer Position. Das ist ein Vorteil, deshalb ist er Punktsieger.

Nino Haase
Nino Haase ( )

Zum Schluss würde ich sie noch um ein generelles Fazit zu der Diskussionsrunde und zum Wahlkampf der Kandidaten bitten. Wie fällt das aus?

Ich bin kein Mainzer und deshalb auch wirklich leidenschaftslos. Ich sehe es unter der Wirkung nach außen. Haase hat sich am besten positioniert. Er hat auch die pfiffigsten Slogans auf seinen Wahlplakaten. Da kann man drüber philosophieren, ob das vielleicht ein bisschen zu legere ist oder ob das grammatikalisch immer richtig ist. Aber da steckt ein gewisser Pfiff und eine gewisse Intonation dahinter. Das hat er in der ganzen Art und Weise auch in dieser Diskussion gezeigt. Er hätte es, für mein Dafürhalten, noch viel deutlicher ausspielen können, weil er sich dann viel deutlicher von den anderen abgehoben hätte.

Quelle: ADAC; Powered by RSS Dog